Privacy-Krise im Gesicht:
Wie „Rizzfluencer“ die Smart Glasses von Meta zweckentfremden
Ob in Zusammenarbeit mit Ray-Ban, Oakley oder Kylie Jenner:
Die Smart-Glasses-Kollektionen von Meta bieten mittlerweile für jeden Geschmack das passende Design. Die stylischen Brillen mit integrierten Video- und KI-Funktionen erlebten im Herbst 2025 einen regelrechten Boom.
Doch der Erfolg hat eine Kehrseite. Kurz nach dem Start der Verkaufsphase musste der weltweite Vertrieb temporär gebremst werden: Allein in den USA verkaufte sich die Brille über 7 Millionen Mal. Der enorme Hype führte dazu, dass geplante Marktstarts in europäischen Schlüsselmärkten und Kanada zunächst verschoben werden mussten. Obwohl die Brille intern anfangs als Nischenprodukt für Tech-Enthusiasten eingestuft wurde, erreichte sie rasant den Massenmarkt.
Mit dem Massenerfolg kam jedoch ein massives Problem an die Oberfläche: Die Brillen werden zunehmend zur gezielten Belästigung missbraucht.
Das Problem: Wenn das Warnlicht erlischt
Die Smart Glasses lassen sich mit einfachen Mitteln (wie dem Abkleben der Sensor-LED) so manipulieren, dass sie heimlich Aufnahmen machen, ohne dass das physische Warnlicht der Kamera leuchtet.
Die Quittung dafür zeigt sich im Netz: Immer wieder tauchen Videos auf Social-Media-Plattformen auf, in denen meist junge Frauen ohne ihr Wissen oder Einverständnis gefilmt werden – beim Sonnenbaden, im Alltag oder im Nachtleben.
Der Aufstieg der „Rizzfluencer“
Internationale Medien wie die BBC und CNN berichten über ein besorgniserregendes Phänomen: Sogenannte „Manfluencer“, Dating-Coaches und Pickup-Artists nutzen die Smart Glasses gezielt, um Frauen im öffentlichen Raum anzubaggern. Unter dem Trend-Hashtag #rizz (abgeleitet von Charisma) landen diese Clips unzensiert auf TikTok und Instagram, um anderen Männern vermeintliche „Flirttipps“ zu geben. Besonders perfide: Die Brillen werden von den Manfluenzern gezielt als Werkzeug genutzt, um vermeintliche ‚Erfolgsrezepte‘ im Umgang mit Frauen zu demonstrieren und das unbemerkt gefilmte Verhalten der Frauen anschließend im Netz zu analysieren und vorzuführen.
Die betroffenen Frauen werden so ungewollt zur Content-Ware im Netz degradiert. Versuche, die Löschung der Videos einzufordern, scheitern oft kläglich – manche Creator verlangen sogar dreist Geld für das Offline-Nehmen der Aufnahmen.
Die rechtliche Grauzone: Was sagt das Gesetz?
Das bloße heimliche Filmen im öffentlichen Raum ist nicht automatisch strafbar. Strafrechtlich geschützt (nach § 201a StGB) ist primär der höchstpersönliche Lebensbereich – also Wohnungen, Umkleidekabinen oder Toiletten. An öffentlichen Orten wie Stränden, Freibädern oder Festivals ist das reine Aufnehmen oft eine rechtliche Grauzone.
Erst das Veröffentlichen und Verbreiten dieser Aufnahmen ohne die ausdrückliche Zustimmung der gezeigten Personen verstößt klar gegen das Recht am eigenen Bild (§ 22, 33 KunstUrhG) und ist strafbar. Dennoch stehen Betroffene im ersten Moment oft schutzlos da.
Die Reaktion der Tech-Giganten
Während Meta anfangs argumentierte, die User seien selbst für die Einhaltung von Datenschutzregeln verantwortlich, ruderte der Konzern nach massiver Kritik zurück. In einem Interview mit The Verge kündigte Meta restriktivere Sicherheitsupdates an, die unter anderem die Brille unbrauchbar machen sollen, wenn die LED manipuliert wird.
Die Konkurrenz schläft nicht und zieht bereits vor dem Marktstart ihre eigenen Konsequenzen:
- Google & Samsung (Android XR): Für Herbst 2026 ist das neue XR-Betriebssystem von Google, Samsung und Qualcomm angekündigt – integriert in Brillen von Brands wie Gentle Monster und Warby Parker. Google setzt bei seinen Prototypen bereits auf extrem strenge Verhaltensregeln für Tester (Nutzungsverbot in sensiblen Bereichen) und unumgehbare, helle LED-Indikatoren.
- Apple: Bis zur Veröffentlichung einer dezenten Apple-Smart-Glass wird es laut Bloomberg noch dauern – der für Frühjahr 2027 geplante Launch verschiebt sich auf unbestimmte Zeit. Apples Datenschutz-Philosophie lässt sich jedoch von der Apple Vision Pro ableiten: Hier sorgt das äußere Display mit einem auffällig pulsierenden Licht dafür, dass Umstehende sofort erkennen, wenn aufgenommen wird. Zudem verweigert Apple Drittanbieter-Apps den direkten Zugriff auf die Kamerasensoren.
Security Fazit
Die XR-Branche steht an einem Wendepunkt. Smarte Brillen müssen nicht nur modisch und technologisch überzeugen, sondern vor allem „Privacy by Design“ mitbringen. Nur wenn Hardware-Hersteller Missbrauch von vornherein technisch unmöglich machen, kann die gesellschaftliche Akzeptanz von Smart Glasses gelingen.
Quellen
Meta kündigt zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für Kamerabrillen an
So-called ‘manfluencers’ are filming themselves trying to pick up women. Smart glasses are their perfect tool
Woman covertly filmed for 'humiliating' social media content - then told to pay
Heimlich gefilmt mit Smart Glasses
Meta: AI Glasses für unkomplizierte Kommunikation
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